„Dem Leben zu einer neuen Selbstentfaltung zu verhelfen, das ist der Sinn der Freien Schulgemeinde. Diese neue Selbstentfaltung des Lebens heißt Jugend.“ Mit diesen Worten umschrieb Gustav Wyneken (1875-1964) den Grundgedanken der von ihm zusammen mit Paul Geheeb vor 100 Jahren gegründeten Freien Schulgemeinde Wickersdorf bei Saalfeld im Thüringer Wald. Wyneken beschwor den „Mythos Jugend“: die kulturschaffende Kraft einer neuen „Jugendkultur“, die in seiner „Schulgemeinde“ den Quell ihrer geistigen Kräfte erleben sollte.
Keine andere zeitgenössische Neugründung am Kreuzungspunkt von Lebensreform, Jugendkult, Jugendbewegung und Reformpädagogik hat eine vergleichbare Wirkung entfaltet wie die FSG Wickersdorf, kaum eine andere Gründerpersönlichkeit größere öffentliche kontroverse Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Die Beiträge des vorliegenden Bandes vergegenwärtigen die Gründungsmotive der FSG Wickersdorf und ihr kulturelles Umfeld, die Wirkung als „Mutterkloster“ von Ausgründungen weiterer Landerziehungsheime, erinnern an das Ende der Freien Schulgemeinde mit dem Ende der DDR, und zeigen die Praxis Freier Alternativschulen als heutiger Ausprägung radikaler Schulreform.
Ein weiterer Beitrag stellt Wynekens Wirken in die Ambivalenzen der Kultur- und Schulkritik um 1900. |